B.                                            Die Dämmerungsfeier

aus dem Musenalmanach 1793

Das war ein Kuß! Mit Jahren, freudenlos

Und düster, würd’ ich ihn nicht theuer büßen.

Ich saß im Dämmerlicht zu Ihren Füßen

Und drückte mein Gesicht in ihren Schooß.

 

Wie wurd’ in meiner Brust mein Herz so groß!

So fühlte sich vielleicht, als ihn die süßen

Erscheinungen den Himmel finden ließen,

Endymion auf seinem Schlummermoos.

 

Sie spielte still mit meinen wüsten Locken,

Ich drückte meinen Arm um ihre Knie

Und sah empor, begeistert und erschrocken,

 

Und fragt’ ihr Aug’; und Lyda, Lyda! sie:

Sie senkte sich auf meine Lippen nieder,

Und Arm’ in Armen fühlten wir uns wieder.

 

 

 

 

 

 

 

B.                                            Letzte Liebe   

aus dem Musenalmanach 1793

Singt nur, singt der ersten Liebe Glück!

mehr als Dichter, hab’ ich’s selbst empfunden.

Oft noch träum’ ich in den Abendstunden

Meines Herzens Morgentraum zurück.

 

Aber hadre nicht, mit dem Geschick,

Hadre nicht, mein Sinn! Er sei verschwunden,

Jener Traum, den Engel gern erkunden!

Erste Lieb’ ist nur ein Augenblick.

 

Aber wenn, belehrt von Wohl und Leid,

Streng’ belehrt durch eitles Händeringen,

Nach dem Preis, den Menschen nie empfingen,

 

Brust an Busen sich von Herzen freut,

Dieses Glück soll meine Laute singen.

Letzte Lieb’ ist für die Ewigkeit.

 

 

 

 

B.                                            Philosophie der Liebe

aus dem Musenalmanach 1793

Mag, wer will, ergrübeln und erklären,

Was das Herzensrätsel Liebe sey!

Nennt es die süße Sinnenschwärmerei!

Nennt es einen Blick in höhre Sphären!

 

Ist es dieß, so will ich’s gern entbehren,

Euer Licht, und misse nichts dabei.

Ist es jenes, o so laßt den Mai

Meines Schattenhimmels ewig währen!

 

Hört, ihr Weisen, was ihr noch nicht wißt!

Wallen Seelen in einander über,

Ist’s nicht Eine, die ihr Glück ermißt.

 

Aber wenn mein Mund ein leises Lieber!

Lyda’s Munde schwärmerisch entküßt,

Wissen Wir, was Lieb’ und Himmel ist.

 

 

 

 

B.                                            Sehnsucht

aus dem Musenalmanach 1793

In des Weidenbaches langem Thale

Geh’ ich meinen stillen Abendgang,

Blicke bald den Wellenschein entlang,

Bald hinauf zum rothen Himmelsstrahle;

 

Und als schien’ er mir zum letztenmahle,

Hebt mich meine Brust so schwer und bang,

Daß ich träumend schon mit Schwanensang

Meine Lebensrechnung abbezahle.

 

Und du weißt es, daß dich Lyda liebt?

Stündlich kommt die süße Stunde näher,

Die sie deinen Armen wiedergiebt;

 

Und du seufzest, blöder Freudenspäher? –

Ach! wer einer solchen Stunde harrt,

Stirbt im kalten Arm der Gegenwart.

 

 

 

 

B.                                            Das Mühlenwäldchen

aus dem Musenalmanach 1793

Nimm du mich auf mit allen meinen Träumen,

Vertrauliches, geliebtes Dämmergrün!

Hier gaukelt hin, Erinn’rungsphantasien!

Umweht den Quell und flüstert mit den Bäumen,

 

Und laßt des Mühlenrades lautes Schäumen

Der Sinne Vorhang lieblich niederziehn!

Hier wird, wie beide Quellenufer blühn,

Ein Blumenreich in meiner Seele keimen.

 

Denn, Wäldchen, so geliebt du längst mir bist,

Jetzt lieb’ ich dich, weil eingesenkt in Schweigen

Mein Herz die Welt und dich mit ihr vergißt.

 

Jetzt lieb’ ich dich, weil unter deinen Zweigen

Das Bild der Bilder mir entgegenschlüpft,

Das tausend Wünsche sanft in einen knüpft.

 

 

 

 

B.                                            Lyda’s Mängel

aus dem Musenalmanach 1793

Menschenkunst kann Menschen nicht verengeln.

Freisinn lenkt des Adlers Wolkenflug.

Folgsam der Natur geheimen Zug

Muß der Bach sich durch die Thäler schlängeln.

 

Und du, Holde, sprichst von deinen Mängeln?

Sprichst davon so lieblich und so klug?

meinst, ich könnte, ich! mit gutem Fug

Deinen Sinn zur Meisterweisheit gängeln?

 

Irgendwo am Himmel steht geschrieben,

Daß die Liebe nur sich selbst erkennt.

Wo mein Herz das Gute eint und trennt,

 

Mag mein Geist sich im Verbessern üben;

Doch der Liebe sey das Recht gegönnt,

Der Geliebten Fehler mitzulieben.